Wein – Kalifornien 2012

Von ALFRED VOIGT

Diamond Creek: Dieses wunderbare Fleckchen Erde war noch vor wenigen Jahre vor allem für alkoholreiche Sattmacher-Weine  bekannt.  Grundlegendes hat sich geändert.  Bodenständige Arbeit und ein gestiegenes  Qualitätsbewusstsein bestimmen heute den kalifornischen Weinmarkt.

Ja, ja, diese kalifornischen Winzer. Noch immer sind sie stolz auf ihren „Sieg“ über die  französischen Weine aus dem Jahre 1976. Gestützt vom Wiederholungserfolg 1990. Beide Male wurden in Paris – vornehmlich von französischen Fachleuten! – Weine aus Kalifornien und Bordeaux verglichen. Und beide Male belegten die kalifornischen den ersten Platz.

     Man mag ja zu solchen Vergleichsproben stehen, wie man will – über komplexe, vielschichtige Weine siegen nicht selten mehr vordergründige, leichter zu verstehende Weine. Die spektakulären Ergebnisse zeigen jedoch eines: Kalifornische Weine sind ernst zu nehmen.

     Kalifornien ist ein recht großes Weinland. Auf einer doppelt so großen Rebfläche wie in Deutschland produziert es rund 90% aller US-amerikanischen Weine. Neben einer Handvoll Groß-Produzenten, die auch billigste Weine vermarkten, und den noch immer sehr zahlreichen reinen Traubenproduzenten hat sich die Zahl an Weingütern, die ihre Weine selbst produzieren und auf den Markt bringen, in den letzten fünf Jahren nahezu verdoppelt. Dabei ist die Anzahl sogenannter „boutique-winemakers“ besonders gestiegen. Von ihnen werden auf wenigen eigenen Hektar Weinfläche oder von gekauften Trauben ex-trem hochwertige Weine erzeugt, die auf dem amerikanischen Markt stolze Preise erzielen, aber leider auch fast ausschließlich dort bleiben und nur selten den Weg in den Export finden.

     Was hat sich noch verändert seit meiner letzten Kalifornien-Weinreise vor fünf Jahren? Die Anbaufläche ist nahezu unverändert: gut 200.000 Hektar oder knapp 500.000 Acres, mit denen die Fläche hier seit jeher berechnet wird. Der in der Vergangenheit starke Zuwachs bei den Trendrebsorten Syrah, Spätburgunder oder Grauburgunder scheint  auf  hohem Level gestoppt zu sein. Der ganz aktuelle Trend geht zu „Nischenrebsorten“, denen man besondere Aufmerksamkeit schenkt, beispielsweise Roussanne, Riesling, Tannat und Petit Verdot. Bestimmend bleiben: Cabernet, Zinfandel, Pinot Noir, Chardonnay und Merlot. Spannend jedoch sind die Weine jener ehrgeizigen Winzer, die aus „unmodischen“ Sorten tolle Weine produzieren.

     Des Weiteren geht man verstärkt in höhere Regionen, die „Mountain-Wines“ sind sehr gefragt, da hier dem Klimawandel etwas entgegengesetzt werden kann. Die Diskussion über die sehr hohen Alkoholgradationen hier (14-16% sind oft die Regel) beflügelt viele Winzer dazu, dem entgegenzuwirken. Eine andere Möglichkeit bietet die Nähe zum Pazifischen Ozean. Da das Meer hier sehr tief und kalt ist, wirkt es regulierend auf die Temperaturen in Küstennähe. Trotz der hohen Sonneneinstrahlung wird es nicht so heiß tagsüber und es kühlt vor allem nachts besonders ab, was für einen Aromenreichtum in den Trauben sorgt und ihnen eine lebendige Säure belässt. Mehr und mehr passé sind die Einheitsweine, die sich in früheren Jahrzehnten marmeladig und vor Alkohol strotzend, breit und ohne lebendige Säure präsentierten. Die Mehrzahl der Winzer ist heute bestrebt, ausgewogene Weine zu produzieren.

     Diese Weinmacher gehen zunehmend daran, den Boden und das Klima ihres Besitzes genau zu untersuchen und zu analysieren. Geradezu akribisch gehen sie dabei vor, und das ist auch notwendig bei der  Vielfalt der Böden. Man wirbt bereits damit, dass in einem bestimmten Bereich diese Bodenvielfalt – das Terroir – vielseitiger und unterschiedlicher ist als in der Gesamtheit eines europäischen Weinlandes. Und wie dem auch sei, Boden und Klima spielen eine außergewöhnliche Rolle in Kalifornien. So werden zunehmend Lagenweine produziert und die „Estate Wines“, also der Verschnitt verschiedener Lagen, verlieren an Bedeutung. Dennoch wird nach wie vor viel mit Trauben gehandelt, wobei jedoch die Wertschätzung der spezifischen Herkunft gestiegen ist, was sich auch im Traubenpreis nachhaltig ausdrückt.

     Der Ausbau der Weine hat sich weiterentwickelt. Die stark holzgeprägten Weißweine aus Chadonnay oder Sauvignon Blanc gehören der Vergangenheit an. Gerade beim Sauvignon setzt man verstärkt auf Frische und fruchtige Aromen. Die Chardonnays von heute sind schlanker, vielschichtiger und nicht mehr so sättigend. Bei den Rotweinen findet man nach wie vor die bekannt mächtigen Weine mit viel Alkohol, weichen Tanninen und süßlichen Noten. Insgesamt aber zeigt sich ein Trend zu leichteren, lebendigeren Weinen. Man erntet einfach früher oder nimmt Trauben aus höheren, kühleren Regionen. Selbst die Zinfandels, die bisweilen jeden Alkoholrekord brachen, sind eleganter geworden. Sättigen nicht schon nach dem ersten Glas. Thematisch unterscheiden sich die Hauptdiskussionspunkte in den USA kaum mehr von den europäischen: Es geht um Trauben- beziehungsweise kellereigene Hefen gegen Zuchthefen, darum, so wenig wie möglich in den Werdungsprozess des Weines einzugreifen, und natürlich darum, chemische Hilfsmittel zu reduzieren, sei es mit bewusstem und begrenztem Einsatz, mit biologischem Weinbau oder gar mit biodynamischer Vorgehensweise. Das Umweltbewusstsein ist im Westen der USA immens gestiegen und der Anteil biologischer Produzenten ist größer als in Europa.

HARTNÄCKIGES QUALITÄTSSTREBEN
Kalifornien ist schon seit einiger Zeit der größte Bordeaux-Konkurrent. Und auch, wenn es in anderen Weinregionen den einen oder anderen großen Wein aus Cabernet & Co. geben mag: in Menge und Vielfalt bleibt allein Kalifornien – und hier in erster Linie die Weine aus dem Napa Valley, jenem breiten Tal nordöstlich von San Francisco – das Land, das neben der Pionierfunktion die Vorreiterrolle in Sachen Qualität übernommen hat. Selbst für den passionierten Liebhaber ist es kaum möglich, alle ambitionierten Winzer und deren Weine zu kennen und einzuschätzen, zumal auch in den Bergregionen westlich und östlich des Tales großartige Lagen entdeckt und bepflanzt wurden.

     Sehr stark aufgeholt haben die Burgundersorten Chardonnay und Pinot Noir. Überall in den kühleren Regionen, meist in Ozeannähe, haben sich in dieser Königsdisziplin die Spezialisten weiterentwickelt – und sie haben einiges aufzuweisen: großartige Pinots aus Sonoma County, Carneros, Paso Robles oder Santa Barbara County. Keine selbstverständlichen Meisterleistungen im Umgang mit dieser schwierigen Rebsorte. Wie schon gesagt gewinnen auch die Chardonnays immer mehr an Finesse, Vielschichtigkeit und Mineralität. Und der ehemalige Butter-und-Brot-Wein Zinfandel zeigt durchaus Kontur, hält sich als Kraftprotz zurück und überzeugt durch mehr Ausgewogenheit. Nicht zu übersehen sind auch die Rhône-Rebsorten, allen voran natürlich Syrah, die sich hier oft körperreicher und weicher zeigen als die Originale der nördlichen Rhône. Fazit: Es hat sich viel verändert – und es geht weiter! Die Produzenten bleiben experimentierfreudig auf der Suche nach dem „perfekten Wein“ und kultivieren zunehmend vergessene Rebsorten.

TYPISCH KALIFORNISCH
Werfen wir an dieser Stelle einen Blick auf das System amerikanischer Einteilung in die einzelnen Weinan-baugebiete. Zunächst ein Kuriosum dazu: Die zuständige Behörde hieß bis 2003 „Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms“. Daran ist erkennbar, wie lange man hier die von Feuerwaffen ausgehende Gefahr auf eine Stufe mit der von Alkohol und Zigaretten setzte. Zum Glück hat sich das geändert, und die Behörde nennt sich nun „Alcohol and Tobacco Tax and Trade Bureau“. Zurück zum eigentlichen Thema. Diese Behörde nimmt die geografische Identifikation für das Etikett vor. In Europa vergleichbar mit der Appellation Controlleé in Frankreich oder den Anbaugebieten, mit Bereichen und Weinbauorten, in Deutschland. In den USA heißt es „American Viticultural Area“ (AVA).

     Handelte es sich hierbei in der Anfangszeit um eine extrem grobe Aufteilung großflächiger Räume, so haben inzwischen viele Weingebiete  sehr detaillierte Aufteilungen wie beispielsweise das Napa Valley. Aus einer AVA sind hier inzwischen vierzehn geworden, die vom sogenannten Napa County umschlossen werden. Diese Unterteilungen veranschaulichen gut, dass sich Weine aus dem unteren Tal deutlich von denen aus dem oberen Tal oder den Bergregionen unterscheiden. Jede einzelne AVA hat tatsächlich ihre Berechtigung.

     Darin zeigt sich aber auch, wie ernst der Weinbau Kaliforniens inzwischen von staatlicher Seite genommen wird. Und das hat sowohl wirtschaftliche als auch kulturelle Ursachen: Das Thema Wein hat einen hohen Stellenwert in der amerikanischen Gesellschaft. Wein trinken ist angesagt, und wer sich mit Wein gut auskennt, ist angesehen. Die Kehrseite der Medaille: Der Run auf kalifornische Weine ließ die Preise in die Höhe schnellen; ebenso die landläufige Meinung, dass ein Wein unter 50 Dollar (ca. 39€) nicht gut sein kann. Eine weitere Folge: Viele Weine bleiben im Land und werden nicht exportiert. Zwei, die Kultstatus erlangt haben, sind Screaming Eagle und Diamond Creek. Sie stehen  Bordeauxgewächsen wie Petrus, Le Pin oder Château Margaux preislich nicht nach und werden auch qualitativ von der Fachwelt ähnlich eingeschätzt.

 Was die Weingüter im Westen Amerikas erheblich von europäischen Betrieben unterscheidet: ihre Außendarstellung. Erst einmal ist jedes Weingut zu den allgemeinen Ge-schäftszeiten für jeden Besucher of-fen. Man muss sich nicht anmelden, kann spontan hinfahren, ein paar Weine probieren, einkaufen oder auch nicht. Allerdings: Die Probe ist in der Regel zu bezahlen. Falls einem die Weine dann nicht gefallen, kann man guten Gewissens gehen ohne einzukaufen. Mit dem Eigentümer oder Weinmacher kommt man auf diese Weise jedoch selten in Kontakt; die Proben werden von Angestellten durchgeführt.

In Europa dagegen sind die Proben in der Regel kostenfrei, doch der Anstand gebietet einem selbstverständlich anschließend etwas einzukaufen – auch bei Nichtgefallen.

Begehrt sind in ganz Kalifornien von Weingütern gelabelte T-Shirts, Kappen und Jogging-Sweater. Die werden im konsumfreudigen Kalifornien auf den Weingütern angeboten und machen einen Familienausflug auch für nicht weinbegeisterte Angehörige interessant.

     Sehr beliebt sind auch die sogenannten Weinclubs im ganzen Land. Man trägt sich als Mitglied ein, bekommt mehrmals im Jahr etwas  geliefert, wird regelmäßig über das Weingut informiert und erhält einen Rabatt von 20 Prozent auf die Weine. Bei den sowieso sehr hohen Preisen eine attraktive Sache.  Mitgliedschaften in Renommierbetrieben haben übri-gens Kultstatus.

     Erstaunlich ist das enorme Wissen vieler Konsumenten in den USA. Man beschäftigt sich viel mit Wein, auch mit europäischem, und kann Qualität sehr gut beurteilen. Das kann natürlich  nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in Kalifornien „Weine“ für unter zwei Dollar über die Theke gehen.

WEINE FÜR HEDONISTEN – NICHTS ALLTÄGLICHES

Littorai _ Ted & Heidi Lemon
Sonoma Coast AVA _www.littorai.com

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Das Weingut Littorai wurde 1993 gegründet. Sein Name stammt aus dem Griechischen und weist auf die Nähe zum Ozean. „Litor“ bedeutet nämlich „die Küste“ – und die ist hier nur sechs Meilen entfernt. Angebaut werden die Sorten Chardonnay und Pinot Noir (und etwas Sauvignon Blanc und Gewürztraminer für eine Cuvée). Ted Lemon ist ausgebildeter Önologe (Universität des Burgunds) und hat nach Studienabschluss bei bekannten Domainen in Burgund gearbeitet. Zuletzt als verantwortlicher Weinmacher in Keller und Weinberg bei Roulot, einem der namhaftesten Winzer aus Meursault. Lemon war der erste Amerikaner, der in einer derartigen Stellung im Burgund arbeiten durfte.

     Somit war die Marschrichtung klar auf Littorai: Burgund ist das Vorbild. Nicht alle Trauben werden im Weingut selbst erzeugt, doch alle kommen aus besten Lagen im Russian River Valley und Alexander Valley. Trotzdem sind die Weingutsweine sicher die stärksten. Chardonnay macht den kleineren Anteil aus, die Weine sind gut und brauchen Zeit zur Reife. Sie erreichen aber nicht ganz die Spektakularität der Spätburgunder. Auch die Lagenweine und Cuvées aus Anderson Valley und Russian River sind sehr gut, haben jeweils eigenen Charakter und burgundische Struktur. Die besten Rotweine sind die aus der Umgebung des Weingutes. Da wäre zunächst „The Haven“, ein mächtiger Pinot, der auf sehr unterschiedlichen Steinen im Untergrund wächst (Vulkan, Quarz, Kalk). Die Weine sind sehr kraftvoll, körperreich und brauchen Zeit zur Reife. Der Gegenspieler kommt vom Thieriot Vineyard. Die Weine sind extrem elegant, pikant und würzig. Sehr fein – mein Favorit vom Weingut. Leider (noch) nicht in Deutschland erhältlich, aber wir arbeiten daran!

     Die weingutseigenen Rebflächen werden biodynamisch bewirtschaftet, man recycelt zudem alles, was möglich ist, vor allem das Wasser. Zudem unterhält man einen Mustergarten zur Biodynamie, welcher zur Schulung anderer landwirtschaftlicher Betriebe dient.

Paul Dolan Vineyards,
Mendocino County    
www.pauldolanwine.com

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Paul Dolan ist der Vorreiter für biodynamischen Weinbau in Kalifornien. Auf seiner Dark Horse Farm im Norden Kaliforniens hat er, nachdem er als Angestellter bei einem Großproduzenten mit Bioweinen begonnen hatte, einen wahren Musterbetrieb zur Biodynamie aufgebaut. Dolan kennt nicht nur die Arbeitsweise, er lebt sie. Auf Anhieb spürbar, wenn man seine abgelegene Farm „am Ende der Welt“ besucht. Unweit der Stadt Ukiah; abseits aller Touristenwege. Auf dieser Farm entsteht eine Rotweincuvée aus Syrah, Petite Sirah, Grenache und Zinfandel. Allesamt Rebsorten, die man hier im Norden nicht mehr unbedingt erwarten würde. Der Wein daraus ist dicht, konzentriert und besitzt eine Menge Alkohol, der aber wunderbar eingebunden ist. Getauft hat ihn Dolan „Deep Red“, nach der eisenhaltigen, roten Vulkanerde, auf der er wächst. Ein seltenes Unikat, eine charaktervolle spannende Weinvariante.

     Paul Dolan hat mehrere Bücher zum biodynamischen Weinbau  geschrieben, und wer sich mit Weinbau in Kalifornien beschäftigt, dem ist er gut bekannt.  Von Dolan werden außer diesem Rotwein noch eine Reihe anderer Weine biologisch erzeugt. Er ist ein Anhänger des Kaufens und Verkaufens von Trauben. Das verschafft ihm die Möglichkeit, sein Angebot zu erweitern. Der Sauvignon Blanc aus dem Potter Valley ist ganz wunderbar und auch Zinfandel und Cabernet-Sauvignon aus dem Mendocino County sind sehr authentisch, elegant und vielschichtig.Ein bemerkenswerter und liebenswerter Mann, der seine Idee in die Tat umgesetzt hat.   

St. Helena, Napa Valley
www.corison.com

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Als Önologin begann Cathy Corison ihre Karriere und arbeitete viele Jahre für andere Weingüter. „Doch da war ein Wein in mir, den ich unbedingt erzeugen musste“, sagt sie. Sie erstand ihr eigenes kleines Weingut im Herzen des Napa Valley zwischen Rutherford und St. Helena und machte 1987 ihren ersten Wein. Cabernet musste es sein. Und er sollte Kraft mit Eleganz kombinieren. Der Unterschied zu anderen Napa- Cabernets – nun: Sie erntet im Schnitt drei Wochen früher und hat so einen Prozentpunkt weniger Alkohol. Die Weine sind trotzdem reif; von jeder Überreife weit entfernt, besitzen sie eine unbeschreibliche Eleganz. So etwas Feines hatte ich in Napa nicht erwartet. Spannenderweise macht sie auch einen gar nicht schlechten Gewürztraminer. Ist schon ihr „normaler“ Cabernet von überwältigender innerer Schönheit, so lässt einen der „Kronos“, von einem Stück Land direkt hinter der Weingutsscheune, völlig aus dem Häuschen geraten. Wirklich ein großer Cabernet von einmaliger Intensität und Finesse. Der Vorteil der Weine: Sie sind schon in der Jugend gut zugänglich, entwickeln sich aber über die Jahre sehr positiv. Eine echte Entdeckung, die jedoch auch ihren Preis hat. Noch zu erwähnen bleibt, dass von Beginn an biologisch produziert wurde.

L’Aventure Winery _Stephan Asseo 
Paso Robles
www.aventurewine.com

***1/2
Den Eigentümer Stephan Asseo kannte ich von meinem ersten Besuch der Vinexpo in Bordeaux. Wir hatten damals von einem jungen aufstrebenden Weinmacher im Hinterland von Bordeaux gehört und wollten ihn unbedingt besuchen. Gesagt, getan. Doch das Weingut war so versteckt, dass wir eine Stunde zu spät kamen. Navigationsgeräte und Handys gab‘s leider noch nicht. Ich erinnere mich gut daran, dass Mr. Asseo durch unsere Verspätung ganz schön genervt war. Trotz dieses schlechten ersten Eindrucks gab er mir am Ende einige seiner Weine mit, die mich sehr beeindruckt hatten. Ein Jahr später erfuhr ich zu meinem großen Erstaunen, dass dieser Stephan Asseo nach Kalifornien ausgewandert war. Sie können sich vorstellen, wie gespannt ich war, ihn nun wieder zu treffen.

     Grund für seine Auswanderung waren die rigiden Beschränkungen im französischen Weinbau. In Kalifornien fand er geeignete Flächen im Westen Paso Robles und bepflanzte sie mit Bordeaux-Rebsorten und Varianten von der Rhône. Damit schaffte er sich eine große Auswahl beim Cuvéetieren. Bei den Weißweinen sind es Viognier, Grenache Blanc und Roussanne, aus denen zwei gute Weißweine im Rhône-Stil entstehen. Etwas ambitionierter sind seine Roten. „The Sibbling“ ist ein einfacher Wein aus Mourvèdre, Grenache und Syrah für den täglichen Genuss. Basiscuvée: der Optimus aus 50% Syrah und 50% Cabernet und Petit Verdot − auch ein unkomplizierter, schöner Trinkwein. Seine beiden Flaggschiffe sind der „Côte à Côte“ aus Rhône-Rebsorten (Grenache, Syrah, Mourvèdre), ein voller, eleganter und fruchtbeladener Rotwein von toller Qualität. Und der „Estate Cuvée“ aus Syrah und Cabernet mit Petit Verdot. Ein zwiespältiger Wein, der zwei sehr gegensätzliche Reb-Gruppen miteinander zu verbinden sucht – und polarisiert. Mir hat sich seine Identität nicht erschlossen.

     Zum Schluss probiert: eine Fassprobe Cuvée Grand Verdot 2010 (Petit Verdot mit 25% Cabernet). Ein toller Wein mit viel Frucht, massivem Gerbstoff und großer Länge. Eigenständig und harmonisch. Nur schade, dass dieser Wein wohl niemals nach Europa gelangen wird.

Alfred Voigts Empfehlung:
Die Beschäftigung mit kalifornischen  Weinen lohnt.  Sie werden Weine entdecken,  die eigenständig, vielfältig, akribisch und mit viel Leidenschaft gemacht sind. Auch wenn die Auswahl hier in Europa schon schier überwältigend ist: Noch besser ist es,  das Angebot vor Ort zu erkunden. Machen Sie eine Weinreise durch Kalifornien − die kann  viel unterhaltsamer sein  als in Europa.

Als Alfred Voigt seine wahre Leidenschaft entdeckte, da war er bereits als Lehrer und als Koch ausgebildet. Seit fünfundzwanzig Jahren ist er Sommelier im  2-Sterne-Restaurant Résidence (Essen). In Sachen Wein diskutiert er am liebsten mit seiner Frau – ein Austausch auf Augenhöhe. Gemeinsam reist das Sommelier-Ehepaar, Susanne Spies und Alfred Voigt, regelmäßig, um neue Weine zu entdecken und Winzer und ihre Weingüter auf der ganzen Welt kennenzulernen.

STERNKLASSE Magazin
Ausgabe Frühjahr 2012

www.sternklasse.de
www.sternklasse-restaurants.de