Villa Serbelloni, Bellagia – Grandhotel im Familienbesitz

Wenigen Hotels ist es vergönnt, über Generationen im Besitz der gleichen Familie zu sein und vom Inhaber geführt zu werden. So wie das Hotel Hassler in Rom, das Roberto E. Wirth von seinem Vater übernommen hat. Oder wie hier in Bellagio am Comer See, wo Rudy Bucher das Grand Hotel Villa Serbelloni seinem Sohn Gianfranco vermachte. Die beiden sind übrigens Cousins und direkte Nachfahren des legendären Schweizer Hoteliers Franz Joseph Bucher. Na, wenn das kein Zufall ist!

Wer ist schöner? Die Mona Lisa oder Heidi Klum? Nun, die einen sagen wahrscheinlich so und die anderen so. Schönheit liegt nun mal im Auge des Betrachters. Paradox ist nur, wenn Kurzsichtige aus optischen Gründen auf die Brille verzichten. Will man die Villa Serbelloni mit den beiden Damen und ihrer Schönheit vergleichen, sollte man schon die Sehhilfe aufsetzen. Leider sind Grandhotels eine vom Aussterben bedrohte Art. Könnte man sie doch nur wie Gemälde an die Wand hängen und ihre Schönheit im geschützten Rahmen von Museen der Öffentlichkeit zugänglich machen! Man kann es leider nicht und wird hoffentlich, dann wenn nötig, andere Wege finden, so geschichtsträchtige Orte wie die Villa Serbelloni zu schützen. Aus eigener Kraft den Pflegebedarf zu erwirtschaften, wird vermutlich nicht allen dauerhaft gelingen. Als Retter von Grandhotels betätigen sich zwar hier und da schon Fondsgesellschaften oder reiche Mäzene – doch oft bezahlen die Häuser dafür mit dem Verlust der eigenen Persönlichkeit.

Abgestiegen, so nannte man das Wohnen im Hotel früher, sind in der Villa Serbelloni schon der König Albaniens und die Königin Viktoria aus Spanien, Königin Maria von Rumänien und die Großherzogin Katharina von Russland, Lady Chamberlain und der Scheich von Kuwait, Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und auch Königin Silvia von Schweden. Mit einem Gefolge von 60 Personen treffen 1951 König Faruk und Königin Narriman von Ägypten ein und John F. Kennedy landet nur vier Tage nach seiner berühmten Rede in Berlin („Ich bin ein Berliner“, 30. Juni 1963) mit dem Army-Hubschrauber in Bellagio, wo er jubelnd von der Bevölkerung empfangen wird. Zwischen den vielen Terminen seiner Europareise legt der US-Präsident bewusst eine Ruhepause im Grandhotel ein – natürlich in der Präsidentensuite –, bevor er sich am 2. Juli 1963 in Rom mit Papst Paul VI trifft, der gerade seit drei Wochen frisch im Amt ist. Bellagio liegt auf der Spitze einer gebirgigen Halbinsel, die den südlichen Teil des Comer Sees in zwei Arme teilt.

Heute kann man den Ort per Auto über schmale, pittoreske Straßen entweder von Como oder von Lecco aus erreichen. Am bequemsten und zeitsparendsten ist, weil sie die unvermeidlichen Staus auf der Straße umgeht, die Anreise mit der Autofähre aus dem gegenüberliegenden Cadenabbia. Gebaut wurde die Villa Serbelloni als Liebesgabe eines reichen Grafen an seine Frau. In den Annalen des Hotels heißt es, Madame sei anspruchsvoll gewesen. Vermutlich war sie zickig. Jedenfalls verschliss die Gute mehrere namhafte Architekten und mag sich einfach nicht – trotz dessen vielgelobter Schönheit – mit dem Gebäude anfreunden.

An ihrem Geburtstag 1854 eingeweiht, verkauft ihr Gatte kurz darauf den fehlgeschlagenen Liebesbeweis mit den wunderschönen Decken- und Wandgemälden von Soardi. Die neuen Besitzer, ein Konsortium aus Unternehmen und Banken, lassen es zum Hotel umbauen. Autos fahren zu der Zeit noch keine – erneut kommen Hunderte von Mauleseln über die Berge und mehrere Jahre lang legen unzählige breite Kähne am Seeufer an, beladen mit den grauen Steinen von Moltrasio, mit Hölzern und Gips. Erst verrichtet ein Heer von Steinhauern, Schreinern und Stuckateuren seine Arbeit, dann Vergolder, Maler und Bildhauer. Die teuersten Tapeten, die schönsten antiken Teppiche und die kostbarsten Stoffe werden für das neue Grandhotel angeliefert. 1872 ist es soweit. Die Villa eröffnet als Grandhotel und wird auf Anhieb ein großer Erfolg.

Damals reisen die Menschen ganz anders, als wir es heute gewohnt sind. Die meisten reisen überhaupt nicht, weil sie es sich nicht leisten können. Wer es sich leisten kann, sind Prinzen, Grafen und Barone, Feldmarschälle und Großindustrielle. Sie zieht es aus ganz Europa an den Comer See – besonders die weitverzweigte russische Zarenfamilie fühlt sich in der Villa Serbelloni wohl. Und wenn diese Herrschaften verreisen, dann nicht für ein Wochenende, sondern für mindestens einen Monat, meist jedoch für die Dauer einer ganzen Saison. Immer begleitet von vielköpfiger Dienerschaft, Gesellschaftsdamen, Maitres und Hilfskräften – und Bergen riesiger Kabinenkoffer. Flurweise oder gar etagenweise belegt diese Klientel die Hotelzimmer, manche nur, um die kostbaren Kleider auf den Betten ausbreiten zu können. Und nicht Zimmermädchen wie heute machen die Betten und putzen, sondern das eigene Personal. Noch ohne Fernsehen und Internet verbringen die Gäste ihre Tage mit ausgedehnten Spaziergängen, Lesen und Gesellschaftspielen. Die Abende und die Nächte mit Konzerten, Theateraufführungen und rauschenden Bällen im Königssaal, wo heute das Frühstück serviert wird – und wo ich einen der intensivsten Momente meines Aufenthalts in der Villa Serbelloni erlebt habe. Ganz früh am Morgen. Allein mit den Kellnern in diesem geschätzt 40 mal 15 Meter großen und sechs Meter hohen Prachtsaal, den die Sonnenstrahlen gerade eroberten und dessen Spiegel die Stimmung der Jahrzehnte eingefangen zu haben schienen und sie amüsiert an den Raum zurückgaben.

Drei Theater hat Bellagio zur Zeit der Belle Époque, Mailand nur zwei – es ist die Hochzeit der Zuversicht, deren Geist den Menschen in ganz Europa Fortschritt ohne Grenzen vorgaukelt. Unterstützt wird diese allgemeine optimistische Sichtweise durch zahlreiche Aufsteiger. Auch der vom Konsortium eingesetzte schweizerische Hoteldirektor Leo Breitschmid gehört zu der wachsenden Gruppe erfolgreicher Selfmade Unternehmer. Im Laufe vieler Jahre erwirbt er alle Anteile des Hotels, bis er schließlich der alleinige Inhaber ist. Die Glückseligkeit dieser Zeit erreicht in den folgenden Jahren ihren Höhepunkt und endet jäh mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Anstelle von Prinzen belegen nun italienische Truppen die Villa und statt zündender Feuerwerke am Himmel wird das kostbare Parkett im Ofen entzündet und als Brennholz verheizt.

Nach dem Krieg ist Breitschmid 74 und zu alt für einen Neuanfang. Er will das Haus in gute Hände geben und verkauft es zu einem mehr als fairen Preis an Arthur Bucher, den Großvater des heutigen Unternehmenslenkers. Breitschmid koppelt die eher bescheidene Kaufsumme an eine Leibrente. Seine gute Tat wird ihm noch zu Lebzeiten vergolten: Er wird über 100 Jahre alt.

Zwar hat das Automobil schon zu Anfang des 20. Jahrhunderts die Pferdekutsche abgelöst – Ford produziert ab 1913 am Fließband – womit das Reisen schneller und bequemer wird, dennoch ist Bellagio nach wie vor nur über Wasser oder auf dem Rücken eines Maultieres zu erreichen. Es ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, doch die Besitzer der großen Hotels am Comer See sind sich zu dieser Zeit einig wie sonst nie: Sie wehren sich ganz entschieden gegen den Straßenbau. Sie wollen den Gestank und den Lärm der neuen Fahrzeuge von sich fernhalten. Zum besseren Verständnis muss man dazu auch wissen, dass sie es nicht nötig hatten, um jeden Gast zu kämpfen. Ganz im Gegenteil, die Reisenden buhlten damals um die Gunst, in den Hotel-Paradiesen aufgenommen zu werden.

Als Arthur Bucher das Hotel nach dem Krieg übernimmt, hat es 140 Zimmer, aber nur ein einziges Badezimmer. Es befindet sich im Kellerraum, und die Nachfrage nach seiner dort befindlichen, einzigen und blütenweißen Wanne wächst ins Unermessliche. 1889 hat in London das Savoy mit einem Badezimmer für jedes dritte Hotelzimmer eröffnet – Arthur entscheidet: Es werden Wasserleitungen in alle Zimmer der Villa gelegt. Mühsame Sanierungsarbeiten stehen an, Rohre müssen durch 70 bis 80 Zentimeter dicke Steinmauern verlegt werden. Die Kosten gehen ins Unermessliche. Und schon bald steht die nächste Herausforderung an: Die Weltwirtschaftskrise, die 1929 durch den Schwarzen Freitag an der New Yorker Börse ausgelöst wird, geht auch an Bucher und Bellagio nicht spurlos vorbei. Der Hotelier ist gezwungen, die mit dem Grandhotel erworbene Villa, die bis dahin als Luxusdependance diente und den Namen „Villa Serbelloni“ trug, zu verkaufen. Den Namen beziehungsweise die Namensrechte „Villa Serbelloni“, behält der kluge Geschäftsmann in seinem Besitz und führt das bis dahin als „Grand Hotel Bellagio“ eingeführte Haus unter dem in der Welt bekannteren Namen als „Grand Hotel Villa Serbelloni“ weiter. Niemand konnte damals wissen, dass 1998 in Las Vegas das erste 5-Sterne-Hotel unter dem Namen Bellagio eröffnen würde, das in der Welt großes Aufsehen erregen und das Örtchen Bellagio mit einem Schlag in aller Munde bringen würde. Sein Besitzer, ein gewisser Steve Wynn, hatte sich von dem kleinen Örtchen am Comer See inspirieren lassen. Sein neues Bellagio bekommt fast 1.000 Zimmer mehr als Bellagio Einwohner hat. Und noch heute ist Bellagios Bürgermeister enttäuscht, dass kein einziger Vertreter seiner 3.000-Seelen-Gemeinde in die Wüste Nevadas zur Eröffnung eingeladen wurde.

Die ursprüngliche Villa Serbelloni, deren Verkaufserlöse das Grandhotel die Depression überstehen lässt, hinterlässt die neue Besitzerin (Ella Walker, Whiskey-Erbin Jonnie Walker) nach ihrem Tod 1959 der Rockefeller Foundation, in dessen Besitz sie noch heute ist. Ein letztes Mal nähert sich dem Grandhotel unter der Ägide von Arthur Bucher eine große Gefahr. Unter Mussolini will sich der Staat sein prächtiges Hotel einverleiben. Die Bedrohung bereitet dem Schweizer viele schlaflose Nächte. Erst als mit Hilfe ihres Konsulats die Schweiz das Anwesen am Comer See zu Schweizer Gebiet erklärt, schläft er wieder ruhiger. Mussolini hatte man gedroht, einen eventuellen Angriff auf Schweizer Territorium mit dem sofortigen Einfrieren seiner Schweizer Konten zu vergelten. Dieser Preis war dem Duce dann wohl doch zu hoch. Gut so, sonst hätten Charlie Chaplin, O.W. Fischer, Maria Schell, Clark Gable, Robert Mitchum, Al Pacino und viele andere das Haus kaum besuchen können. Nachdem Rudy Bucher 1950 die Geschäftsführung vom Vater übernommen hat, kann auch er sich nicht über mangelnden Gästezuspruch beklagen. Die Aufenthaltsdauer der Gäste ist noch immer lang, doch der Begleittross wird zunehmend kleiner, mit Ausnahme des ägyptischen Königspaares während seiner Hochzeitsreise.

Mit der Extravaganz einer Königin kann es Romy Schneider gut aufnehmen. Sie wohnt 1977 während der Dreharbeiten zu dem Film „Die Frau am Fenster“ in der Villa, liebt die Nächte und das Nachtleben – und macht jede Nacht zum Tag. Heute schwärmen die Mitarbeiter im Hotel davon, dass sie regelmäßig Barleute, Kellner und die gesamte Filmcrew zwang, ihr bis zum frühen Morgen Gesellschaft zu leisten. Ob das die damaligen Angestellten auch so toll fanden, ist nicht überliefert. Dennoch würden sie, im Nachhinein danach befragt, sicher nicken; mit einem Weltstar die Nächte verbracht zu haben, erzählt man den eigenen Kindern und Kindeskindern gern. Den Vorhang des Schweigens ziehen heute alle Mitarbeiter, zu, versucht man über Stars der Gegenwart Erkundigungen einzuziehen. Über das Mitglied der Musikgruppe Eagles, das kurz vor unserer Ankunft die Präsidentensuite bewohnt hat, ist nichts zu erfahren.

Diskretion ist in diesem Grandhotel eben noch eine ganz verlässliche – und wichtige – Ehrensache. Schon beim Einchecken wird man gefragt – und gebeten, das Einverständnis schriftlich mit Unterschrift zu bekräftigen –, ob die persönliche Anwesenheit bestätigt und Gespräche durchgestellt werden dürfen. Oder nicht. Die Aufenthaltsdauer von Gästen hat sich auf eine bis höchstens drei Wochen eingependelt, erzählt uns Barchef Mauro Tessitore. Noch immer ist sie im Vergleich zu Stadthotels undanderen Ferienhotels damit sehr hoch. Auch „die Zahl der jährlich regelmäßig wiederkehrenden Feriengäste ist erfreulich“, verrät Gianfranco Bucher. „Natürlich bleiben auch die Stammgäste bei uns längst nicht mehr so lange wie zu Zeiten des Vaters und Großvaters“, erinnert er sich an die Vergangenheit, als noch die ganze Mailänder Familie Pirelli (Gründerfamilie des gleichnamigen Reifenherstellers) mit Kind und Kegel zur Sommerfrische für drei Monate anreiste, obwohl sie ihren Wohnsitz doch nur knapp 50 Kilometer entfernt hatte. Familie Fiocchi aus Lecco hatte eine noch kürzere Anreise. Auch sie verbrachte die Sommermonate regelmäßig im 25 Kilometer entfernten Bellagio; in Zimmer 104 kam sogar der Sohn des Munitionsherstellers Guilio Fiocchi zur Welt. „Heute wohnen kaum noch italienische Gäste bei uns“, erzählt Mauro Tessitore, der seit 29 Jahren Mitglied der Serbelloni-Familie ist. Er muss es wissen. „Es ist nicht so, dass unsere Landsleute uns meiden.

Im Gegenteil, viele sind Stammgäste im Restaurant oder bei mir an der Bar; sie legen mit dem eigenen Boot an und haben ihre eine eigene Residenz am See.“ Beim Einwurf „So, wie George Clooney?“ schmunzelt er und sagt nur ausweichend: „Mir scheint, diejenigen, die es sich leisten könnten, wochenlang in der Villa Serbelloni Ferien zu machen, kaufen sich gleich ein eigenes Domizil am See.“ Obwohl er mit seinen Kollegen fast nur Italienisch spräche, rede er den Tag über insgesamt wohl mehr Englisch als in der Muttersprache, der Hauptanteil der Gäste sei englischsprachig und käme aus den USA.

Gianfranco Bucher hält es genauso wie sein Cousin Roberto in Rom. Tagsüber sieht man ihn viel im Hotel. Wer Bucher nicht kennt, hält ihn für einen Urlauber. Oft sitzt er scheinbar lässig mit anderen Gästen angeregt im Gespräch zusammen. Manchmal verschwindet er aber auch für Stunden; kann sein, dass er dann zum Tauchen im See ist. Nicht zum Vergnügen, sondern um eine Leitung zu reparieren. Wenn die Klimaanlage ausfällt oder andere technische Defekte behoben werden müssen, ist der Hotelchef gleichzeitig sein erster Hausmeister. Am Wochenende auf den Notdienst zu warten, kann für andere Hotels in Bellagio schon mal bis mittwochs dauern; nicht für die Villa Serbelloni. Wie gut, dass Gianfranco Bucher im ersten Berufsleben ausgebildeter Ingenieur war, genauso wie es der Vater war, und so die Klimaanlage selbst wieder in Gang bringen kann. Aus 304 abgegebenen Bewertungen für die Villa Serbelloni ermittelt Tripadvisor eine Zufriedenheit von 76 Prozent. Dieses Urteil setzt sich zusammen aus 159 Höchstbewertungen mit fünf von fünf Punkten (ausgezeichnet), 72 Mal vier von fünf Punkten (sehr gut) und bis zu 19 Bewertungen mit nur einem Punkt (mangelhaft). Die Kommentare polarisieren sehr. Sie reichen von „magisch“ bis „altmodisch“. „Das Einzige, was wir bedauert haben, war, dass wir nicht länger bleiben konnten“, schreiben die einen. „Der Frühstücksraum des Hotels befindet sich im Keller (falsch! Anm. d. Red.) in einem alten Ballsaal. Wir waren sehr enttäuscht, dass wir nicht mit Blick auf den See …“, klagen die anderen. Wenn Sie mich fragen, ist die Villa Serbelloni zu vergleichen mit einer starken Persönlichkeit; eine kluge alte Dame, die sehr elegant und sehr faszinierend ist.

Eine Legende. Historisch. Der ideale Ort für stilvolle Menschen, denn hier treffen sie auf ebensolche. Wen es schmerzt, dass ein Eis 10 Euro kostet, wird vieles vielleicht auch nicht genießen können. Beispielsweise den wunderbaren Büffel-Mozarella im La Goletta Restaurant von bester Qualität. Oder den Gedanken, dass schon Franz Liszt hier musiziert hat, „sein“ Flügel steht in der Bel Etage. Wer den durchgestylten Komfort moderner Hotels als Maßstab ansieht, wird die Bäder gewiss mit anderen Augen sehen, als wir es taten. Uns vermag ein großzügiges Platzangebot, perfekte Sauberkeit und eine blütenweiße Leinendecke auf einem Beistelltisch mehr zu erfreuen als eine hochmoderne sogenannte Erlebnisdusche (deren Erlebnis häufig darin besteht herauszufinden, wie sich warm und kalt einstellen lassen). Die Villa Serbelloni ist kein Hotel für einen One-Night-Stand. Sie braucht Zeit und will mit Aufmerksamkeit erobert werden. Doch schon am zweiten Morgen begrüßen die Mitarbeiter den Gast beim Frühstück wie einen Stammgast und der Charme der Villa öffnet sich in dem Maße, indem man ihr Muße schenkt – erst verliebt man sich in das Lächeln um den Mund und nach und nach versinkt man in ihre atemberaubende Schönheit, die der Zeit einfach trotzt, so wie die Mona Lisa.

FRÜHSTÜCKEN WIE EIN KÖNIG – Wo früher nach einem rauschenden Ball die Nacht endete, beginnt heute der Morgen mit einem wunderbaren Frühstück: im Königssaal.

Wer anschließend einen langen Spaziergang am See macht, einige Bahnen durch den Pool schwimmt, auf dem hoteleigenen Tennisplatz ein Match spielt oder eine Runde Golf hinter sich bringt, der hat sich sein Dinner am Abend redlich verdient.

STERNERESTAURATN ODER  CASUAL – das ist die Wahl zwischen dem hervorragenden La Goletta (auf Pool-Ebene) oder dem Sternerestaurant Mistral eine Etage höher. Chef Ettore Bocchia hält, was sein Michelin-Stern verspricht! Der Service unter der Leitung von Carlo Pierato ist so unauffällig aufmerksam, dass man am Ende des Menüs kaum glauben mag, dass der Abend schon (fast) vorbei ist. Doch nach einem letzten Glas Champagner oder einem Digestif an der Bar bei Mauro Tessitore schläft man einfach noch besser.

KLINGELN – Man sieht ihnen an, dass sie viel benutzt werden. Wer klingelt, erlebt, dass sofort ein dienstbarer Geist erscheint. Angebracht sind sie überall in den Gastbereichen am Pool und auf der Terrasse. Jede hat ihren eigenen Klingelton, so weiß der Kellner gleich, wohin er gehen muss, um seine Hilfe anzubieten. Kinder überrascht das, für die Erwachsenen ist es selbstverständlich.

AM WECHSEL DER TISCHDECKE ERKENNT MAN DEN PROFI   – Beim Tischdeckenwechsel im Restaurant lässt sich gut absehen, ob die Kellner des Hauses die Basis des Handwerks beherrschen oder auch nicht. Amateure ziehen die Tischdecke wie bei Muttern daheim ab und entblößen dabei die Tischplatte. Der professionelle Gastgeber macht es wie hier Luigi Marinaro: Beim Auflegen der neuen Decke wird die gebrauchte Decke geschickt weggezogen.

GIANFRANCO BUCHER
Für den Besitzer und sein Grand Hotel Villa Serbelloni war 2007 ein gutes Jahr. Das beste in einer Folge guter Jahre, was Gianfranco Bucher (Bild oben) aus heutiger Sicht zu einer gewagten Investition ermutigte. Die bevorstehende Krise, in der sich Europa nun seit Jahren befindet, ahnte keiner. Bucher modernisierte und verlegte die hauseigene Wäscherei mit dem einzigartigen Seeblick (Bild Mitte). An ihrer Stelle ließ er dreizehn neue Hotelzimmer (Bild unten) entstehen, die erst kürzlich eröffnet wurden, denn: „In Italien muss man leider mit fünf Jahren rechnen, bis ein solcher Umbau genehmigt wird.“ Mit dem Wissen von heute hätte Bucher diese Investition nicht getätigt; direkte und indirekte Steuern sind in den vergangenen Jahren ins Unermessliche gestiegen und in einem Saisonbetrieb besonders schwer zu erwirtschaften.

Ein Beispiel: Ob und in welchem Maße die Müllentsorgung in Italien in Anspruch genommen wird, spielt keine Rolle. Ins bürokratische System gepresst muss das Hotel den veranschlagten Betrag für das ganze Jahr abführen. Buchers größter privater Luxus ist somit das Luxushotel, der Erhalt und die Pflege des Familienerbes. Umgeben von Luxus sind die drei Bucher-Kinder ohne Folgeschäden aufgewachsen. Die beiden Söhne haben die Hotellaufbahn eingeschlagen; Jan machte diesen Sommer Dienst am Pool. Nur die Tochter schlägt scheinbar aus der Art, sie hat als Naturwissenschaftlerin promoviert. Aber, man kann ja nie wissen, auch der Vater hat erst Ingenieurswissenschaften studiert, bevor er ins Hotelfach wechselte und nach dem Besuch der Hotelfachschule das Grandhotel übernahm. Wenn heute anderswo der technische Notdienst am Wochenende keine Zeit hat, dann müssen die Gäste der Villa Serbelloni nicht schwitzen – Bucher kann die Klimaanlage selbst reparieren.

Mauro Tessitore, Barchef seit 29 Jahren im Team
Antonio Alberti, Chef-Sommelier seit 21 Jahren dabei
Carlo Pierato (links), Maître im Restaurant Mistral

SCHÖN, SIE WIEDERZUSEHEN! – Gäste mögen es, wiedererkannt zu werden. Eine Selbstverständlichkeit in der Villa Serbelloni. „An der Bar geht‘s entspannter zu, hier kann ich mein Talent besser entfalten“, hat sich der schlagfertige Mauro Tessitore wohl vor einigen Jahren gedacht, als er sein schwarzes Jacket an den Nagel hing. Tessitore war bis dahin Maître im Restaurant Mistral, diese Position erfüllt heute sein ehemaliger Commis Carlo Pierato. Antonio Alberti ist seinem roten Jacket und dem Haus seit über zwanzig Jahren treu.

A N R E I S E !  Auch wenn der Parkplatz nur ein paar Schritte entfernt ist, in einem Grandhotel fährt man bei der Anreise mit dem Wagen bis vor die Tür – und lässt sich dort beim Gepäck helfen. Wer direkt in die Parkbox fährt, signalisiert „ich benötige keine Hilfe“. Wir erlebten Gäste, die sich so verhielten – und beschwerten. Was soll der Wagenmeister dazu sagen? Natürlich hat er sich für das Missverständnis entschuldigt …

GRAND HOTEL VILLA SERBELLONI srl
BELLAGIO Lake Como Italy
Via Roma 1 – Bellagio 22021 (CO) – Italy
Phone: ++39 031 950216
e-mail: infor inforequest@villaserbelloni.com

© STERNKLASSE-Magazin 2013
www.sternklasse.de
www.sternklasse-restaurants.de