Villa d’Este – Schönheitskönigin am Comer See

Wie verliebt waren Audrey Hepburn und Gregory Peck in „Ein Herz und eine Krone“, als sie, und die Zuschauer mit ihnen, auf der Vespa durch Rom sausten! Wir bangten um Cary Grant,als er in „Über den Dächern von Nizza“ alsJohn Robie, „die Katze“, erst um Juwelen und dann um die schöne Grace Kelly schlich. Mit den Filmen weckte Hollywood die Sehnsucht nach den Orten, an denen sie spielen – und belegte sie gleichsam mit einem Fluch. Denn nirgends ist die Wirklichkeit so schön wie in kunstvollen Bildern. Oder doch?

   Auch die italienischen Seen sind mit bebilderten Erwartungen belegt. Weniger durch amerikanische Spielfilme als durch eine Postkartenromantik goldroter Sonnenuntergänge und den See umrahmende Berge. Früher waren es Aufnahmen von Adenauer beim Boccia-Spiel am Comer See, heute sind es solche von George Clooney und Freunden. Bilder, die glauben machen, der Hollywoodstar mit Zweitwohnsitz am Comer See könne jeden Moment mit seiner Harley oder seinem Riva-Boot auftauchen. Das Restaurant und die Terrasse der Villa d’Este in Cernobbio sind solche Orte, an denen Clooney tatsächlich regelmäßig auftaucht.

   Als Sommerresidenz ließ Kardinal Tolomeo Gallio 1568 den Prachtbau errichten, dessen Bezeichnung „Villa“ ein wenig in die Irre führt. Verständlich nur aus der Sicht einer ehemaligen Bewohnerin, die Größeres gewohnt war. Caroline von Braunschweig, damals noch nicht Königin von Großbritannien, gab dem Palast 1815 den Namen Villa d’Este. Er diente ihr einige Jahre als Zuflucht vor dem ungeliebten Ehemann, der 1820 als George IV. zum König von Großbritannien, Irland und Hannover gekrönt wurde, was sie zur Rückkehr zwang.
   Einmal im Jahr ist die Villa d’Este unter Oldtimerfans in aller Munde. Ralph Lauren, einer der ersten Sammler, der dazu beitrug  die Besitzer vom ölverschmierten Image der Schrauber zu befreien, gewann den diesjährigen Concorso d’Eleganza Villa d’Este, „dem“ Laufsteg der unbezahlbaren Schönheiten auf vier Rädern. Sein nachtschwarzer Bugatti, Baujahr 1938, Type 57SC Atlantic-Coupé, trug den Sieg in verschiedenen Disziplinen und auch den Gesamtsieg 2013 davon.

   Seit genau 140 Jahren beherbergt die Villa d’Este eines der berühmtesten Hotels der Welt. Ein Grandhotel mit erlesenen Antiquitäten, Gemälden und Skulpturen, darunter so manches Erinnerungsstück aus der königlichen Zeit von Caroline wie die „Aphrodite und dem sie krönenden Eros“. Experten streiten darüber, ob sie von Antonio Canova oder einem seiner Schüler stammt. Dem Betrachter, der ihr auf dem Weg zum Restaurant oder zur Bar begegnet, ist die Antwort unwichtig. Die Statue berührt ihn mit ihrer Schönheit. Das Forbes Magazine setzte die Villa d’Este 2009 auf Platz eins seiner Weltrangliste.

   Einen Platz unter den Top Ten findet der auch „Hollywood am Comer See“ genannte Palast ebenso in jeder anderen Hitliste – ohne wirklich dorthin zu gehören. Einzigartiges lässt sich nicht vergleichen. Stummfilmdiva Mary Pickford und Ehemann Douglas Fairbanks, beide Mitbegründer von United Artists, gehörten zur ersten Gästegeneration, die aus Hollywood anreiste. Es folgten Stars wie Greta Garbo, Bette Davis, Elizabeth Taylor, Clark Gable, Orson Welles, Frank Sinatra und Gary Cooper. Die Liebesaffäre zwischen Aristoteles Onassis und Maria Callas soll hier begonnen haben. Von der alternden Hollywoodgarde wurden Mel Gibson, Woody Allen, Robert de Niro, Barbra Streisand, Julio Iglesias und Michael Douglas in der Villa gesichtet. Mit George Clooney kommen die Jüngeren, aber Diskretion gilt als oberstes Gebot – und solange die Stars über ihren Besuch schweigen, tun es selbstverständlich auch Hoteldirektion und Mitarbeiter.

   Ein Schild am Eingangstor meint klar und deutlich „Zutritt nur für Hotelgäste“. Die bewachte Schranke an der Zufahrt ist keine Hemmschwelle, es ist eine Hemm-Mauer. Vom anderen Ufer ist der eindrucksvolle Gebäudekomplex aus der Ferne zu sehen; an dieser Stelle kann man ihn nur erahnen. Alter Baumbestand und üppige Blumenfelder, liebevoll gepflegt von einem Heer an Gärtnern, säumen die Straße zum Haupthaus vorbei an der Villa Cima und der Villa Malakoff, die als Gästehaus angemietet werden können.

   Im Wind flattert die Fahne Richtung See – und wenn sie Chefconcierge Fabrizio Mainoni am Vortag zum ersten Öffnungstag der Saison hisst wie in diesem Jahr am 6. März, dann ist das ein feierlicher Festakt, zu dem sich das gesamte Hotelpersonal und damit einige tausend Dienstjahre versammeln. Seit über 30 Jahren ist Mainoni, der Mann mit den goldenen Schlüsseln am Revers, in der Villa d’Este tätig. Angefangen hat er mit 17. Doch er ist damit nicht der Dienstälteste. Im Service trägt Nicola Alberti seine Weste bereits seit 42 Jahren, wird jedoch von Maître Paolo Ceccato übertroffen: „Unsere Gäste mögen es, von Menschen bedient zu werden, die ihnen vertraut sind. Und Vertrauen braucht Zeit.

   An unsere beiden jungen Sommeliers Mirco Peri und Paolo Vaninetti haben sie sich gerade gewöhnt“, erklärt er lächelnd. Die beiden Weinexperten sind übrigens seit 14 Jahren im Team. Das Schild an der Hemm-Mauer „Zutritt nur für Hotelgäste“ schreckt Krethi und Plethi ab. Selbstverständlich sind auch Nicht-Hotelgäste im Veranda-Restaurant willkommen. „Jacket and tie“ gilt für die Herren am Abend. Und die hier verkehrende betuchte Gästeklientel, die von allem stets das Beste erwartet, weiß den alten Stil zu schätzen. Hat das Zweitrestaurant Grill noch nicht geöffnet oder Ruhetag in der Vorsaison, trennen bewegliche, hochbepflanzte Prachtblumenkästen das Veranda-Restaurant für einen Abend vorübergehend in zwei Bereiche: „mit Krawatte“ und „ohne Krawatte“ – „Unsere Gäste haben immer die Wahl.“

   Beim Dinner spürt man, was Paolo Ceccato meint und was sich so schlecht beschreiben lässt, auch die Selbstverständlichkeit, mit der ein Italiener Gastgeber ist. International um seine Leichtigkeit, seinen Charme und die Wertschätzung, die er von Gästen erfährt, beneidet, besonders von kühleren Kulturen wie den Deutschen. Die Küche ist hervorragend; Küchenchef Michele Zambanini eine Berühmtheit. Was fehlt, ist ein Michelin-Stern. Möglicherweise hält das Zutritts-Schild die Inspektoren vom Guide Michelin fern. Souschef Andrea Guerini steht heute am Pass, sein Auftrag an die Crew: 45 Kilo Gnocchis, homemade. Nicht für eine große Hochzeit, sondern fürs Mitarbeiterteam. Liebe geht durch den Magen. Sie sind im wahrsten Sinn des Wortes weltmännisch, die Mitglieder im Unternehmen Villa d’Este. Verbringen die Wintersaison in St. Moritz, Aspen, Florida oder sonstwo auf der Welt, nicht anders als ihre Klientel. Bar Manager Ilio Chiocci spricht fünf Sprachen.

   Als ihm vor Jahren eine Dame in seiner Bar gestand, wie glücklich sie der Blick auf den See mache, glaubte er einen einen leichten norwegischen Akzent herauszuhören. „Ja, es ist, als würde man auf einen Fjord schauen“, versicherte er sich und eröffnete damit ein Gespräch. Er führte es, was er nicht wusste, mit Königin Sonja von Norwegen. Tabu sind Gespräche über Politik, Sport und Religion. Zu Weihnachten verschickt Ilio an die 200 handgeschriebene Postkarten mit Grüßen und besten Wünschen für das nächste Jahr, und mehr als die Hälfte der Empfänger bedankt sich persönlich. Viele ebenfalls handschriftlich. Lange Jahre hat Ilio die Wintersaison bei einem Stammgast in Chicago verbracht. Zuvor war man über lange Jahre gute Bekannte geworden – später Freunde. Vertrauen braucht Zeit. Es braucht Vertrauen, bis Ilio eine Einladung annimmt.

   Für seine vierzehn und manchmal mehr Bar-Mitarbeiter sorgt er wie ein Patron. Dafür, dass sie im Winter eine gute Anstellung finden, Sprachen lernen und sich weiterentwickeln. Präsident des mediterranen Hotelstaates mit diesen außergewöhnlichen Ministern ist Danilo Zucchetti. Wie viele seiner „Kabinettsmitglieder“ hat auch er einige Zeit in Deutschland verbracht.

   Alle Mitarbeiter unter der goldenen Krone zu vereinen, die sein Palast im Wappen trägt, so dass keine Tätigkeit geringgeschätzt wird und jeder Mitarbeiter jeden Kollegen aufrichtig wertschätzt – das ist sein Führungserfolg. Denn genauso unabdingbar wie das Talent Sprachen zu sprechen und gekonnt mit Worten umzugehen, um Beziehungen zu gestalten, ist in einem solchen Palast der Stolz und die Hingabe an jede Tätigkeit, auch wenn sie auf den ersten Blick noch so unbedeutend erscheinen mag. Damit, und nur so, schafft es die Villa d‘Este, in der Wirklichkeit die Erwartungen zu übertreffen. Ein fast ausgestorbenes Erlebnis in unserer von Photoshop geschönten Welt.

Villa d'Este
Via Regina, 40,  22012 Cernobbio,  Italy
Tel +39 031 3481 / Fax +39 031 348873
reservations@villadeste.it
www.villadeste.com

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