SAVOY Hotel – Legende mit Zukunft

Technisch war das Savoy schon bei der Eröffnung und die folgenden Jahrzehnte seiner Zeit voraus. In dem neuen Londoner Grandhotel stieg der gesamte kulturelle Adel des 19. Jahrhunderts ab, aber auch echte Könige, Fürsten und Prinzen. Heute befindet es sich im Besitz eines saudischen Prinzen.

Im lebendigen Londoner Theaterviertel trifft eine bunt schillernde Melange von Menschen aufeinander. Und es ist seit jeher von der wohlbetuchten Klientel ein ganz bestimmter Ausschnitt, der dem Hotel Savoy persönlich den Vorzug gibt. Ein anderer bleibt weitgehend fern. Diese Gäste bevorzugen die Nähe zur Londoner Luxus-Shoppingmeile der in Mayfair angesiedelten Grandhotels, wo die Preise für eine einfache Übernachtung im Doppelzimmer nicht selten im vierstelligen Bereich liegen. Wohingegen sie im Savoy dreistellig bleiben – zur Freude der Stammgäste und für alle, die sich einmal im Leben den besonderen Luxus leisten wollen, in einem perfekten Grandhotel zu übernachten. Für rauschende Feste war schon der Namensgeber und Vorbesitzer des Grundstücks, der Count von Savoy, im 13. Jahrhundert bekannt. Genaueres ist allerdings nicht überliefert. Anders vom Savoy. Es eröffnete mit einer glamourösen Feier im August 1889, zu der Walzerkönig Johann Strauss persönlich das Orchester dirigierte. Mit dieser Eröffnungsfeier ließ sich César Ritz ködern, ließ sich als erster Hoteldirektor für das Savoy gewinnen und brachte Auguste Escoffier mit. Legendäre Feste im Savoy begründen seinen internationalen Ruf. Und immer wieder taucht dabei der Name eines US-amerikanischen Gastes auf, George A. Kessler, der Gunter Sachs seiner Zeit. Ein erfolgreicher Geschäftsmann, tätig an der Börse und im Weinhandel.

Extravagante Feste sind sein Hobby, er sieht sie als Werbung. Feste, von denen die ganze Stadt spricht – Feste, bei denen sich jeder wünscht, einmal dabei zu sein. Zu einer Weihnachtsfeier lässt er aus Paris Gastgeschenke von Cartier anliefern: Zigarettenetuis aus Gold für die Herren und Diamant-Broschen für die Damen. Die Dekoration eines anderen Fests verlangt nach Orangenbäumen und Kokosnusspalmen. César Ritz lässt sie aus Florida und von den Bermudas einschiffen. Kessler hält nichts von Massenveranstaltungen; sein Gästekreis ist stets klein und immer handverlesen. Seine Angaben an das Hotel sind gewöhnlich knapp, das Ziel mit „spektakulär“ und „es soll die ganze Stadt davon reden“ klar definiert. Er hat das Budget und César Ritz weiß, wie man es macht. Mit einem „Gondelfest“ macht Ritz den amerikanischen Geschäftsmann Kessler unsterblich. Gemeinsam setzen sich Hotelier und Gast ein Denkmal in der Eventgeschichte – unerreicht bis heute. Mit hundert Pinseln, nur für einen einzigen Abend, verwandelt ein Heer von Malern den Hotelvorhof in eine venezianische Kulisse. In der Mitte leuchtet der Dogenpalast, und der ganze Platz wird unter Wasser gesetzt zum Canale Grande. Ganz authentisch soll die Szenerie für die 24 Gäste sein, die in einer mit Seide ausgeschlagenen Gondel im Mondscheinlicht dinieren werden. Dafür lässt Ritz einen künstlichen Vollmond über der Gesellschaft aufgehen, was zur damaligen Zeit ein ziemliches Unterfangen war. 400 venezianische Lampen beleuchten das kleine Venedig, 12.000 Nelken und ebenso viele Rosen schmücken es. 1.000 Blumen für jeden Gast! Kessler weiß, was er seinem Ruf als „Champagnerkönig“ schuldig ist: Getrunken wird Moët et Chandon 1898, serviert von bildhübschen, als Gondoliere verkleideten Kellnerinnen. Nach dem Dinner stapft ein Elefantenbaby auf die Gondel zu, auf seinem Rücken trägt es eine riesige Geburtstagstorte.

Dann endlich, der Höhepunkt des Abends: Der Brokatvorhang der venezianischen Kulisse öffnet sich, man hört die unverwechselbare Stimme des großen Enrico Caruso. Unwirklich, aber doch wahr: In einer zweiten Gondel rudert der stimmgewaltige Tenor Arien singend auf die kleine Gesellschaft zu. Insgesamt wird Kessler dieses Fest 3.000 Pfund kosten; Carusos Gage schlägt mit 450 Pfund zu Buche. Die beiden nackten Zahlen klingen in der heutigen Zeit kaum beeindruckend, wo Politiker ständig mit Milliarden um sich werfen. Doch rechnet man den Betrag anhand des damaligen Zimmerpreises um (das Zimmer mit Bad wurde im Savoy für zwei Schilling angeboten), hätte Kessler dafür 12.500 Mal im Savoy nächtigen können. Also etwa die nächsten 35 Jahre. Kessler ist hochzufrieden mit dem Erfolg seines Geburtstagsfestes. Mit einem fürstlichen Trinkgeld von 1.000 Pfund rundet er den Rechnungsbetrag auf.

Bei der Eröffnung 1889 ist das Savoy das höchste Gebäude der Stadt. Es ist auch das erste Londoner Hotel, das komplett elektrisch beleuchtet wird. Und: Es ist das erste Hotel in Europa, das über einen hydraulischen Aufzug verfügt. Genau genommen sind es sieben Aufzüge: zwei für Personen, vier (!) fürs Gepäck und einer für Mäntel und Hüte, die in einer Garderobe im obersten Stockwerk untergebracht werden. Fließend warmes und kaltes Wasser steht in allen Hotelzimmern zur Verfügung und für Aufsehen sorgen 67 Badezimmer – nahezu eines für jedes dritte Zimmer! Im Vergleich dazu hat zur selben Zeit das renommierte Victoria Hotel für 500 Gäste gerade einmal vier im Angebot. Über sogenannte „speaking tubes“ (Sprachrohre) können Gäste im Savoy ihre Wünsche direkt an das Zimmermädchen, den Kellner oder Portier übermitteln. Auch das ist eine Neuheit in der Stadt. Wenige Jahre später wird das Savoy zu den ersten Hotels zählen, das Telefone in allen Zimmern (und Badezimmern) installieren lässt. So war das Savoy in seinem ersten Leben, wie sein zweiter Direktor Sir George Reeves- Smith zu sagen pflegte, „auf der Höhe der Zeit – und der Zeit oft voraus“.

Die Weltkriege hat es durchgehend geöffnet überlebt. 2007 wird das Savoy erstmalig für eine grundlegende Renovierung geschlossen. Die Zeit bis zu seiner Wiedergeburt wird doppelt so lange dauern wie geplant und sie wird doppelt so teuer. Sein neuer Eigentümer ist ein saudischer Prinz namens Walid Ben Talal. Es heißt, bis zur Wiedereröffnung am 10. Oktober 2010 habe er mehr als 250 Millionen Euro in das neue Savoy fließen lassen. Um auch hier einen Bezug zur Zahl herzustellen: Beim heutigen Zimmerpreis von 500 Euro könnte man mehr als eine halbe Million Mal im Savoy vor dem Einschlafen die Nachttischlampe ausknipsen; 1.400 Jahre lang – jede Nacht. Leider wird nur niemand so alt. Laut der letzten Forbes-Liste wird des Prinzens Vermögen von nur 25 Menschen weltweit übertroffen. Dennoch ist Walid Ben Talal der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt. Noch vor hundert Jahren hätte es international für einen hohen Bekanntheitsgrad gesorgt, Besitzer des berühmten Savoys zu sein.

Heute ist das anders. Und dabei gehören dem Prinzen mit dem Grandhotel George V. in Paris gleich zwei dieser seltenen Monumente. Die geringe Beachtung könnte ihn betrübt haben und Anlass gewesen sein, dass er 19 im Frühjahr lautstark medial aufbegehrte, sein Vermögen sei um zehn Milliarden unterschätzt worden, ihm gebühre in der Forbes-Liste ein Platz weiter oben unter den Reichsten der Reichen. Mit dieser Aktion bescherte er immerhin dem Savoy weltweit Schlagzeilen und Aufmerksamkeit wie zu guten alten Zeiten. Die Ära, in der Hotels „der Zeit voraus sein“ konnten und mit technischen Errungenschaften von sich reden machten, sind ein für alle Mal vorbei. Die letzte große Errungenschaft im Wohnbereich, die Erfindung der TV-Flachbildschirme, hat in jedes Mittelklassehotel Einzug gehalten. Und wenn auch die hässlich schwarzen Bildschirmflächen im Savoy unsichtbar geworden sind, integriert ins Ambiente mit Hilfe eines Spiegels im goldenen Rahmen, bringt das keine Publicity. Auf dem europäischen Rückzug sind leider, allgemein beklagt, Bildung und Kinderstube.

Eine Herausforderung für das Management eines jeden Grandhotels. Die Klientel ist einfach insgesamt nicht mehr das, was sie einmal war. Begrüßt wird sie im Savoy von Tony Cortega – noch bevor sie das Hotel betritt. Tony ist Head Doorman. Chef einer Abteilung von elf Mitarbeitern. Er und seine Kollegen stehen am Eingang des Hotels, so wie die uniformierten Security- Männer am Eingang der Zufahrtsstraße stehen. Bei Wind und Wetter öffnen sie Gästen in vorfahrenden Karossen, Taxen und Kleinwagen, allen gleich formvollendet, freundlich die Tür und helfen ihnen beim Aussteigen. Kümmern sich um das Gepäck und erkennen mit einem Blick ins Fahrzeug, wenn ein wichtiger Gegenstand beim Aussteigen vergessen wird. Oft ist es die Lesebrille oder das Handy – manchmal sind es andere Dinge. „Dafür bekommt man rasch ein Gespür“, so Cortega und ergänzt „rasch oder gar nicht“. Eine halbe Stunde oder mehr Zeitverlust gespart zu haben, weil man aus Schusseligkeit das Handy im Auto vergessen hat, das ist ein Service, den die Savoy-Klientel zu schätzen weiß.

Die Fähigkeit, sich gut an Namen und Gesichter erinnern zu können, und das Talent, beides spontan zusammenzubringen, ist das große Kapital von Tony Cortega. Wenn jedoch Jahre zwischen dem letzten Besuch liegen, erinnert auch er sich nicht an jeden Gast. Aber an manche schon. So wie vor einigen Tagen erst geschehen. „Zehn Jahre waren vergangen“, erzählt Cortega von einem seiner feinen Glücksmomente, als er neulich einen amerikanischen Geschäftsmann verblüffen konnte. Der ehemalige Stammgast begrüßte ihn wie es viele Gäste tun, mit „Hi Tony“. Und Cortega konnte ihn darauf mit seinem Namen und ihrem alten Ritual begrüßen: „Schön, Sie wieder bei uns im Savoy begrüßen zu dürfen, Mr. Walker. Wie geht es Ihnen und dem Präsidenten der Vereinigten Staaten?“ Tony lacht. Diese Rituale gehören zu seinem Leben. Er weiß, damit kann  er seinen Gästen beim Ankommen ein ähnliches Gefühl vermitteln, wie man es eigentlich nur beim Heimkommen erlebt. Wenn er ein Gesicht wiedererkennt, hüpfe ihm der Name meist automatisch ins Gedächtnis dazu. „Natürlich wird die Sprungkraft durch unsere tägliche Anreise-Liste unterstützt“, lacht Tony wieder. Tony lacht viel und gern, was man seinem Gesicht und den lustigen Lachfältchen rund um die Augen ansieht.

Als er 1986 anfing, hätte er sich gewundert, dass viele Kollegen bereits 30, 40 und 50 Jahre im Savoy tätig waren, „und bald gehöre ich selbst zu denen“, freut er sich fast ein bisschen schelmisch und erzählt, wie gut ihm seine Arbeit tue: „I am always happy to come to work, and I am always happy to make people happy.“ Hier auf der Straße ist er der Hausherr. Statthalter von Hoteldirektor Kiaran MacDonald, ausgestattet mit dessen Vertrauen und mit allen Befugnissen. Fünfzehn Minuten Parkzeit nach Absprache, so lange dürfen Fahrzeuge maximal mit steckendem Schlüssel abgestellt werden. Wer sein Auto oder die Zeit vergisst, dessen Fahrzeug wird – egal ob Rolls Royce, Ferrari oder Fiat 500 – von einem der beschäftigten drei Car Jockeys nach Ablauf der Zeit in die entfernte Hotelgarage gefahren. „Es passiert nicht oft, und ernsthaft echauffiert hat sich auch noch niemand darüber.“ Man glaubt es ihm, ist doch der Brite für seine Contenance bekannt – für alle anderen weiß Tony seine Ausstrahlung mit Würde, Autorität und Humor passend einzusetzen. Er trifft den richtigen Ton, egal ob jemand unsicher ist, weil er zum ersten Mal ein Grandhotel wie dieses besucht, Multimillionär oder TV-Star ist. „Unsere Gäste schätzen die Spielregeln des Savoys. Sie schätzen die Verlässlichkeit.“

Respektvoll miteinander umzugehen, das sei hier Tradition und so selbstverständlich wie der High Tea. „Ist one of the few places in the world.“ Beim Stichwort „Kleidung“ lacht Tony wieder. Gepflegte Umgangsformen hätten im Savoy schon immer einen höheren Rang als formelle Kleidung eingenommen. Längst nicht mehr so dogmatisch wie sein Ruf sei die Kleiderordnung des Hauses. Die kurze Hose sei selbstredend noch immer nicht zum Dinner erwünscht. Und soweit er sich erinnere, sei Richard Harris (irischer Schauspieler, 1930-2002) der letzte Dauergast gewesen, der im Grill-Restaurant mit einem Paravent (wegen seiner schäbigen Kleidung, nicht wegen seiner Popularität) von anderen Gästen abgeschirmt worden wäre. Noch unbekannte Gäste fragt Tony Cortega direkt bei der Begrüßung nach dem Namen. Dabei hat er etwas zu schreiben in der Hand, deutet unmerklich auf das Gepäck und bedankt sich anschließend: „Thank you Mr Stuart.“ Tony ist verkabelt. Mit der Anrede informiert er im Inneren des Hauses einen Kollegen, der nun rasch die Begrüßung des Gastes vorbereitet. „Das System wurde hier im Savoy erfunden, wie so vieles andere auch“, lächelt er stolz.

Kommt der Gast durch die Tür, wird er sofort namentlich angesprochen. Wie sympathisch! „Welcome Mr Stuart. How do you do?“ Welcher Gast wäre nicht überrascht und auch geschmeichelt, wenn er mit dem eigenen Namen wie Mr Stuart begrüßt wird. Ziemlich uncharmant erscheinen plötzlich die bekannten Begrüßungsfloskeln. Manche sind so abgenutzt, dass sie als Sofas längst auf dem Sperrmüll gelandet wären. „Nur selten haben Gäste eine ähnlich persönliche Begrüßung zuvor erlebt“, sagt Tony, „es berührt sie. Auch damit können wir unsere besondere Wertschätzung zeigen und jedem Gast gleich in den ersten Minuten das schöne Beinahe-Gefühl von Heimkommen geben.“ Seine Aufgabe als Linkman ist an dieser Stelle erfüllt, das Gepäck wird während der Begrüßung längst unsichtbar auf unterirdischen Wegen zum Zimmer befördert.

Nur wer bewusst darauf achtet, wird sehen, dass im Savoy so gut wie nie ein Koffer herumsteht. Auch muss sich kein Gast jemals in einen Aufzug zwängen oder diesen passieren lassen, weil der mit beladenem Gepäckwagen und darum herum gruppierten Menschen vollgepfercht ist. Zwei Meisterleistungen, die unsichtbar sind und somit unbemerkt bleiben wie so viele andere Service Spitzenleistungen auch. Auffällig ist immer nur das Gegenteil. Bemerkt wird, wenn Annehmlichkeiten fehlen oder Dinge Unbehagen bereiten. Auffallen würde die Unruhe und die Aufbruchstimmung, die eine mit Koffern vollgestellte Hotelhalle vermittelt. Wenn es zugeht wie am Flughafen.

Tausende Male kreiselt die Drehtür des Savoys täglich zwischen Strand Street und Front Hall. Jedes Mal kommt oder geht ein Gast. 268 Zimmer – und dennoch ist die Empfangshalle erstaunlicherweise ein Hort gediegener Ruhe und mit einer Atmosphäre so spannend, wie sie Vicky Baum in „Menschen im Hotel“ beschreibt. Rechts am Eingang wartet ein fein gekleideter Herr im Maßanzug mit perfekten Absätzen unter glänzend polierten Budapestern scheinbar ruhig darauf, abgeholt zu werden. Nur ein leises Zucken um die Mundwinkel und sein häufiger Blick zur Uhr verraten die innere Unruhe. Verpasst er vielleicht gerade das Geschäft seines Lebens?

Auf der anderen Seite wartet eine junge Frau, etwa Mitte zwanzig. Sie trägt eine schlichte, weiße Hose. Es könnte ein Designerstück, aber auch bei H&M gekauft worden sein. Dazu ein T-Shirt von Stella McCartney. Am Arm eine Hermès –Tasche und Adidas-Turnschuhe an den Füßen – très chic, gekonnt kombiniert. Spielt sie die Hauptrolle in „Pretty Woman“ oder „James Bond“ – wartet sie auf Richard Gere oder Daniel Craig? Und der Mann in der grauen Leinenhose mit dem weißen Hemd: Ist das nicht Tom Jones? Er ist es. Der Tiger lässt sich später am Abend auch in der Bar sehen. Zeit in der Front Hall zu verbringen, ist so spannend wie ein Agatha Christie Roman und macht jeden Beobachter zum Detektiv. Dabei fällt auch auf, dass einige Anreisende von einem, andere von zwei Mitarbeitern begrüßt werden. „Die mit doppelter Begrüßung müssen VIPs sein“, so würde Miss Marple ganz richtig schlussfolgern. Denn indem sich zwei Mitarbeiter – nacheinander und zeitlich gut abgestimmt – um den Gast kümmern, erfährt dieser doppelte Aufmerksamkeit und doppelte Wertschätzung.

Abgeschafft wurde im neuen Savoy der Empfangstresen. Die notwendigen Anmeldeformalitäten lässt man den Gast in Ruhe auf seinem Hotelzimmer erledigen. Dorthin wird er unmittelbar nach der Begrüßung geführt; häufig begleitet Boris Messmer die VIP-Gäste. Als Guest Relation Manager ist der Deutsche für die persönliche Betreuung von Stammgästen verantwortlich. Von den 20.000 Bewerbern zur Savoy Wiedereröffnung war er unter den 600, die eingestellt wurden. Der überbordende Andrang auf Stellen hat etwas nachgelassen, doch weiterhin muss sich jeder Bewerber in vier Interviews bewähren. Erst beim Personalchef (Human Resources), dann beim direkten Vorgesetzten. Wer sich als Barmann beworben hat, führt demnach das zweite Gespräch mit dem Barchef und das dritte mit dessen Chef, dem F&B-Manager (Wirtschaftsdirektor). Hoteldirektor Kiaran MacDonald spricht als Letzter mit jedem, der die ersten drei Stufen erfolgreich genommen hat.

Christine Krentscher (27) kommt aus dem Quellenhof in Aachen und erinnert sich gut, wie aufgeregt sie vor dem Telefonat mit MacDonald war – und wie stolz und motiviert danach. Sie hat die Stelle im Restaurant Kaspar´s Seafood Bar bekommen. MacDonald will seine neuen Mitarbeiter gleich zu Beginn kennenlernen – und sich umgekehrt auch vorstellen. Ein Ausdruck von Wertschätzung, der im Luxussegment der Hotellerie oft unterschätzt wird. „Mr. MacDonald mischt sich ein“, sagt Messmer, „im ganz positiven Sinn. Er ist immer bestens über alles im Haus informiert.“ Der Hotelchef halte einfach Kontakt zu seinen Leuten, in deren Hände das Savoy- Kapital liegt. Er verlange von allen, Talente zu erkennen, zu fördern und Anstrengungen zu belohnen. Gerade in diesen Tagen sei ein Junge aus Ungarn vom Linen Porter (ein Linen Porter füllt die Schränke der Zimmermädchen mit Wäsche auf) zum Supervisor (Vorgesetzter, verantwortlich für ein Linen- Porter-Team) befördert worden. „Was für Außenstehende nach keinem besonderen Ereignis klingt, war die Erfüllung des Traums, den alle haben: Im Savoy kannst du es schaffen.“

Aufmerksam zuhören muss ein Guest Relation Manager können, aber auch sprechen, informieren und beraten. Dazu die kulturellen Angebote der Stadt kennen und allgemein auf dem Laufenden sein. Sie müssen Sprachkenntnisse haben und sich, ganz wichtig, mit internationalen Sitten und Gebräuchen vertraut machen. Mit Gesten und Worten den richtigen Ton treffen. Dazu wird der Kommunikationsstil ebenso sorgfältig gepflegt wie die Armaturen im Badezimmer. Den angenehmen Plauderton, die höfliche Information und die unterhaltende Gesprächsführung zu trainieren, den Wortschatz zu erweitern , ist so üblich wie das tägliche Auffüllen der Wäscheschränke. Eines seiner Ziele als Guest Relation Manager sei es, Stammgäste mit ihren eigenen Vorlieben zu überraschen. Begleitet Messmer Gäste zum Zimmer, hört er sehr aufmerksam zu und fischt mit der Besonnenheit des erfahrenen Anglers nach solchen Möglichkeiten. Wenn er zum nächsten Besuch die Lieblingskekse, Erdbeeren, ein spezielles Magazin oder „mein“ Mineralwasser statt Hausmarke ans Bett stellen lassen kann, hat er das Ziel erreicht. „Bestellt der Gast in Deutschland zur Anreise eine Flasche Champagner auf sein Zimmer, werden selbstverständlich ganz automatisch zwei Gläser auf das Tablett gestellt“, setzt er an, warum es für die VIP-Betreuung unverzichtbar sei, alle Zimmer sorgfältig vor der Anreise zu checken. „Hier in Großbritannien werden junge Menschen ,Learning by doing‘ ausgebildet, sie erhalten keine dreijährige, fundierte Hotelfach-Ausbildung. Wie aber soll ein neuer Mitarbeiter wissen, der selbst noch nie Champagner getrunken hat, dass ein Dom Perignon zu zweit am besten schmeckt? Und wenn der Champagner dazu auf ein Einzelzimmer gebracht werden soll, liegt der Fehler nahe, ihn mit nur einem Glas zu servieren“, führt er lächelnd aus.

Fehler sind menschlich. Dennoch ist in bestimmten Dienstleistungsbereichen vorgeschrieben, dafür Sorge zu tragen, dass die Quote gegen null tendiert. Was für Ärzte selbstverständlich ist, gilt auch im Savoy. Ganz besonders gilt der Perfektionsanspruch bei Sean Daveron, dem Leiter des Butler-Departments. Daverons Anspruch lautet: Perfektion in jeder Beziehung, Charakter, eine erstklassige Haltung und eine natürliche Ausstrahlung. Wer eine Suite im vier- bis fünfstelligen Eurobereich bucht, ist das Beste gewohnt und auch, dass ihm jeder Wunsch erfüllt wird. Dafür sind Simon Mustafa und seine Butler-Kollegen da. Sie erfüllen Standardaufgaben wie Kofferauspacken, Kleidungsstücke tipptopp versorgen oder den Fernsehabend mit Knabbereien und Getränken vorbereiten. Sie servieren das Frühstück, organisieren Theaterkarten, beschaffen Informationen oder reservieren Tische. Der moderne Butler ist eine Kreuzung aus Wunsch-Erfüller, Vielwissender, Mutter und bester Freund. Wie er seinen Beruf versieht, hat wenig mit dem Bild zu tun, das alte Spielfilme in die Köpfe der Menschen gesetzt haben. Fragt man Simon Mustafa nach ausgefallenen Gästewünschen, antwortet er salomonisch. Das ließe sich so nicht beantworten, denn „ausgefallen“ habe für Milliardäre, Politiker, Künstler und überhaupt jeden Menschen eine unterschiedliche Bedeutung.

Ganz eindeutig beantwortet er die Frage, ob im „The Other Club“ (der elitäre Club wurde 1911 von Winston Churchill, als er noch nicht Premierminister war, im Savoy gegründet) tatsächlich die Portraits aller britischen Premierminister hängen, nur das von Maggie Thatcher nicht. „Stimmt. Frauen haben bis heute keinen Zutritt. Nicht einmal als Bild an der Wand. Möchten Sie, dass ich Ihnen den Raum zeige, in dem sich die Clubmitglieder treffen?“

„I AM THE MAN WITH THE HAT. I AM THE LINKMAN.” – So beschreibt Tony Cortega sich und seine Aufgabe. Tatsächlich ist der Head Doorman ein geborener Verbindungsmann. Auch nach zehn Jahren erkennt er Gesichter wieder. Dass er seinen Traumarbeitsplatz hier finden würde, wusste der gebürtige Portugiese nicht, als er  seinem Vater 1986 ins Savoy folgte. Erst nach Stationen in der Küche und am Empfang fand Cortega heraus, wo wirklich sein Platz ist.

DER ERSTE HOTELAUFZUG EUROPAS  wird 1889 im Savoy in Betrieb genommen. Mulmig fühlen sich viele Gäste beim Betreten des sogenannten „ascending room“. Und nicht selten muss der livrierte Fahrstuhldiener die Tür noch einmal öffnen, um einen ängstlichen Mitfahrer wieder aussteigen zu lassen, noch bevor sich das ruckelnde Gefährt in Bewegung setzt. Heute zum Schmunzeln, doch damals wird den Damen empfohlen, auf der gepolsterten Bank Platz zu nehmen. Das sollte einem möglichen Schwindelgefühl aufgrund der zügigen Aufwärtsbewegung vorbeugen.

Kaspar – Stil und britischer Humor  Die berühmte Katze grüßt schon beim Einbiegen in die Straße. Sie lässt sich auch zum Dinner an den gedeckten Tisch einladen. Churchill tat es oft. Eine alte Tradition, um die Unglückszahl 13 (Gäste) zu vermeiden. Nach der Katzendame wurde in diesem Jahr das neue Restaurant  Kaspar‘s Seafood Bar, benannt.

Nur sechs Mitarbeiter kehren nach der zweijährigen Renovierungspause wieder an den alten Arbeitsplatz ins Savoy zurück. Tony Cortega ist einer von ihnen.

An jedem Bett steht ein Bild mit dem Porträt eines prominenten Gastes, der in dem Zimmer schon genächtigt hat.

Simon Mustafa: moderner Butler mit alten Tugenden. – Kennzeichen: Aufmerksamkeit, Humor und Stil. Große Liebe: das Savoy und seine Gäste.

© STERNKLASSE-Magazin 2013
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