Hotel Hassler, Rom

Text: UTA BÜHLER   Fotos: THEO KLINKHAMMER

Als sie zum Weltstar avanciert war, hieß Marlene nur noch „die Dietrich“. Auch wer vom Hotel Hassler spricht, nennt es gewöhnlich „das Hassler“. Es ist der kleine unscheinbare Artikel vor dem Namen, der den Unterschied zwischen Berühmtheit und Legende kennzeichnet.

Viele Grandhotels waren zu Beginn des letzten Jahrhunderts strahlender Treffpunkt für die Gesellschaft und Bühne ihres gesellschaftlichen Lebens. Eine Nacht im berühmten Hassler in Rom, im Savoy in London oder im Vier Jahreszeiten in Hamburg zu verbringen, danach sehnen sich noch heute viele Menschen. Schriftsteller wie Thomas Mann, Ernest Hemingway und Vladimir Nabokov wohnten gar über längere Zeiträume im Berliner Adlon, Montreux Palace oder im Pariser Ritz, und Giuseppe Verdi verbrachte sogar 27 Jahre seines Lebens im Gran Hotel et Milan. Manche dieser Grandhotels leben noch heute vom verblassten Ruhm der Vergangenheit. Andere, die den Sprung in die Gegenwart geschafft haben, gelingt es häufig nur mithilfe eines Liebhabers als Investor – oder einer Investorengruppe. Kaum eines unter denen, die in einem Atemzug mit dem kleinen unscheinbaren Artikel genannt werden, befindet sich noch im Familienbesitz.

Das Hassler in Rom gehört zu den seltenen Ausnahmen. Roberto E. Wirth, Spross in fünfter Generation der Schweizer Hoteldynastien Bucher und Wirth (s. a. Bericht über die Villa Serbelloni in Bellagio am Comer See von Gianfranco Bucher, einem Vetter von Roberto E. Wirth, STERNKLASSE 3-2013, S. 24 ff) leitet das Hassler seit über drei Jahrzehnten. Obwohl er gehörlos ist („Ich kann Sie nicht hören, aber ich verstehe Sie gut.“), spricht er mehrere Sprachen. Seine Antriebsfedern: eiserne Disziplin, Standvermögen und der Ehrgeiz, möglichst viel von möglichst vielem zu verstehen. Er hat als Küchenjunge und Kellner an der Basis gearbeitet und ein Ingenieursstudium in den USA absolviert sowie die für Hotel Administration berühmte Cornell University besucht – beides mit Abschluss. Das Hassler gehört Wirth zu 100 Prozent. Mit scheinbarer Leichtigkeit führt er es, als sei es gerade auf dem Zenit angekommen, und er sorgt mit denselben Tugenden und derselben Kraftanstrengung, die ihn das Sprechen und fremde Sprachen erlernen ließen, für die Zukunftsfähigkeit des Hasslers in der nächsten Generation.

Seine Kinder, die Zwillinge Robertino und Veruschka, besuchen bereits eine Hotelfachschule in der Schweiz, und Wirth lässt es in keinem Jahr zu, dass sich das Hassler ausruht. Gerade vor wenigen Monaten wurde der neu geschaffene achte Stock vollendet; darin befindet sich ein perfekt ausgestattetes luxuriöses Penthaus, das gleichzeitig Hochsicherheitstrakt und geeignet für königliche Staatsbesuche wie für Flitterwochen ist. Manchmal trifft im Hassler beides aufeinander. Zuvor waren gerade die Arbeiten im Innenhof mit der alle Augen auf sich ziehenden Bar (s. Titelbild STERNKLASSE) abgeschlossen worden, bei denen mit viel Fingerspitzengefühl zwei Jahrhunderte zusammengeführt wurden, die nun wie ein frisch verliebtes Paar miteinander zu flirten scheinen.

Die hochmoderne Bar würde auch in New York oder sonstwo auf der Welt für Furore sorgen. Tagsüber bleibt sie unbeleuchtet im Hintergrund, Kulisse am Rande einer grünen Oase mitten in Rom, wo im Sommer gefrühstückt (eines der fünf besten Frühstücke, die wir je hatten!), am Mittag geluncht und am Abend Champagner oder Cocktails getrunken werden – dann wird der Platz zum Hotspot und die Bar verströmt ihr türkisfarbenes Licht. Das nächste Verschönerungsprojekt heißt: Spa.

Eine Treppe kann hinauf oder hinab führen, je nachdem, welchen Weg man zu gehen hat. Auf der Karriereleiter bedeutet hinunter immer „Unglück“ und hinauf „Glück“. Da im Westen die „13“ als Unglückszahl und im Osten die „8“ für viele als Glückszahl gilt, kann man sich die Zahl der Stufen, die die berühmte Spanische Treppe hinauf und hinab führen, gut merken: 138. Und wer sich fragt, warum die im italienischen Stil gebaute „Scalinata di Trinità die Monti“ im Volksmund so rasch den Spitznamen „Spanische Treppe“ bekommen hat – der muss nur wissen, dass ihr zu Füßen die „Piazza di Spagna“ liegt. Als Verbindung zwischen dem Platz und der weit oben über ihm thronenden Dreifaltigkeitskirche wurde die Spanische Treppe 1726 fertiggestellt. Gewünscht vom Papst, finanziert von der Kirche und mit Steuergeldern aus der Schatztruhe des französischen Königs, verziert mit Lilien und Adler, den Symbolen beider. Mit einem herrlichen Reiterstandbild seiner Person wollte der Sonnenkönig das Denkmal abschließen, was dem Papst überhaupt nicht recht war. Wer die Vorgeschichte kennt, kann am Fehlen des Reiterdenkmals und am dafür aufgestellten Obelisken sehen, wer sich durchgesetzt hat. Doch der Streit zwischen Kirche und Königshaus ist heute für die Menschen, junge und alte, Einheimische und Fremde, bedeutungslos, wenn sie sich zu jeder Tages- und Jahreszeit auf den elfenbeinfarbenen Stufen ausruhen, essen und trinken oder feiern und dem bunten Treiben auf der Piazza di Spagna zuschauen. Menschenleer ist die Spanische Treppe so gut wie nie; manchmal für Modeschauen und in der Weihnachtszeit für Konzerte gesperrt, ist sie eines der meistfotografierten Baudenkmäler Roms – und mit ihr die markanten Glockentürme der Scalinata di Trinità sowie das rechts von der Kirche stehende Hassler.

Zu Fuß, die Stufen erklimmend, reist wohl kaum ein Gast an. In einem derart noblen Hotel fährt man überall auf der Welt mit dem Wagen vor. Das kann hier in Rom bei der Anreise im eigenen Auto eine schweißtreibende Angelegenheit werden, denn der Weg führt durch verwinkelte, dicht befahrene Straßen, mit oft rücksichtslos drängelndem Verkehr. Wer das geschafft hat, wird sich schon beim Vorfahren fühlen, als sei er in einer besseren Welt angekommen, sobald ihm der formvollendete Wagenmeister die Tür öffnet und mit freundlichen Begrüßungsworten empfängt. In diesem ersten Moment offenbart sich die besondere Klasse dieses Hauses. Eugenio vom Empfang wird sie verstärken. Er ist seit sieben Jahren im Hassler und zu seinen Aufgaben gehört es auch, Anreisende zum Zimmer zu begleiten. Dabei greift er Smalltalk auf und bleibt verbindlich unverbindlich. Kommunikation der hohen Schule, die dem Gast während seines Aufenthaltes in allen Bereichen begegnet. Im Hassler ist man sicher vor dem Lärm und den Rempeleien des Verkehrs und des normalen Alltags.

Das Hassler ist ein Zufluchtsort, an dem sich höfliche Manieren, gepflegte Ausdrucksformen und Menschen mit Rücksichtnahme begegnen. Ein erster Zehn- Euro-Schein wechselt mit der Übergabe des Autoschlüssels den Besitzer. Und wenn auch der Wagen ohne ein Trinkgeld ebenso sorgsam in die Tiefgarage gefahren und das Gepäck kurze Zeit später aufs Zimmer gebracht würde, man bedankt sich gern für einige Dienstleistungen mit einem Extra. Wer sich von Kindesbeinen an in Luxushotels bewegt, der kennt die ungeschriebenen Spielregeln. Auch demjenigen, der das Gepäck zum Zimmer bringt, erhält in dieser Welt ein freundliches Danke und ein Trinkgeld dafür. Nie unter fünf Euro; zehn Euro sind oft angemessen – wer mag, der gibt mehr. Für die meisten Menschen dürfte der Aufenthalt in einem Hotel wie diesem die Ausnahme sein. Etwas ganz Besonderes. Hochzeitspaare sparen darauf hin wie auf ein kostbares Geschirr. Dabei, also beim Geschirr, lassen einige Hersteller dem Käufer die Entscheidung: erste oder zweite Wahl. Für die zweite entscheidet sich, wem der Lustgewinn am eingesparten Preis dauerhaft höher erscheint als die Freude an makellosen Porzellanteilen. Im Hassler gilt nur das Prinzip der Makellosigkeit; zweite Wahl ist nicht im Angebot – Hochzeitspaare erleben dafür ein unvergessliches Erlebnis.

Die Hassler-Luxusmischung aus Stil, Atmosphäre und Großzügigkeit gefällt auch Nicht-Normalsterblichen wie Schriftstellern, Musikern und Filmstars sowie Künstlern und Politikern, Staatsmännern und Mitgliedern königlicher Familien. Gracia Patricia und Fürst Rainier von Monaco verbrachten im Hassler auf ihrer Hochzeitsreise beim Rombesuch die Nächte. Silvia und Gustav von Schweden waren hier, Prinzessin Diana und die amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und George Bush. Audrey Hepburn kam zeitlebens gern und vergaß zu keinem Weihnachtsfest, Roberto E. Wirth herzliche Grüße zu schicken, Gregory Peck und auch der in zukünftigen Generationen unvergessen bleibende Charlie Chaplin liebten das Hassler. Darryl Hannah, Melanie Griffith, Antonio Banderas und George Clooney waren zufriedene Gäste – selbst die als hoch exzentrisch verrufene Madonna hatte nichts zu beanstanden. Tom Cruise ist Stammgast und – so viel konnte man trotz aller Diskretion heraushören – beim Personal allgemein sehr beliebt.

Welch ein Zufall, dass das im sechsten Stock befindliche Restaurant Imàgo der Grund dafür war, dass Benedikt Jaschke für das Hotelfach entflammte. Als Jugendlicher nahm ihn der Vater zu einem Geschäftsessen in das Hassler- Restaurant mit, dessen grandiose Aussicht über Rom den Teenager gefangen nahm. „Ich war so fasziniert von der Atmosphäre, der Eleganz, von den Menschen und allem um mich herum, dass ich in dem Moment wusste, dass ich ins Hotelfach musste“, erzählt Jaschke. Heute ist er Resident Manager im Hassler, lenkt seit knapp drei Jahren an der Seite von Inhaber Roberto Wirth die Geschicke des Hauses und hat sich in dieser Zeit einen hohen Stellenwert unter Kollegen und Gästen verdient. So zählt es auch zu seinen Aufgaben, Kastanien aus dem Feuer zu holen, wenn die weibliche Kompetenz des eigentlich zuständigen Managers nicht respektiert wird. Beispielsweise von Gästen aus dem Orient. Wenn dann eine Prinzessin ein Meer an Räucherstäbchen entzündet, dass das ganze Hassler im Duftnebel schwankt und dieser auf die Spanische Treppe überzuschwappen droht, dann ist Jaschkes charmantes Eingreifen gefragt, bevor den Menschen die Luft zum Atmen zu knapp wird und sie zu torkeln beginnen wie betrunkene Seeleute. In dem Fall heißt das Ziel: sofortiges Abziehen des Nebels ober- und unterhalb der Etage, die jene Prinzessin für sich und ihr Gefolge angemietet hat – bei Vermeidung von königlichen Gewitterwolken. Ein Problem, das Benedikt Jaschke ebenso erfolgreich löst wie viele andere Herausforderungen in den Jahren zuvor als Hoteldirektor im Schlosshotel Lerbach in Bergisch- Gladbach.

Die Küche von Franceso Apreda hat sich in den letzten drei Jahren enorm entwickelt. Der zweite Stern wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Charmant, aufmerksam und mit der Leichtigkeit von Könnern agiert der Service. Es ist eine Freude, hier umsorgt zu werden, sich beraten zu lassen und mit den Service-Mitarbeitern zu plaudern. Auch: zu beobachten wie elegant die Mitarbeiter sich im Restaurant bewegen. Dass eine bestimmte Kleiderordnung außerhalb des Berufslebens verlangt wird, gilt heutzutage meist als nicht zeitgemäß. Restaurants, die männlichen Gästen das Tragen von Jacketts an ihren Tischen vorschreiben, werden dafür nicht selten an den Pranger gestellt – „kritisiert“ wäre nicht das passende Wort für die Heftigkeit, in der es oft geschieht. Eine solche Vorschrift halten nur voreingenommene Journalisten für politisch unkorrekt. Mit solchen Anfeindungen lebt das Hassler. Denn seine Stammgäste und alle Gäste, die nicht nur die großartige Aussicht genießen, sondern auch die elegante Atmosphäre, wissen diesen klaren Standpunkt zu schätzen. Manche Menschen können es sich möglicherweise nicht vorstellen, doch es gibt tatsächlich andere, denen es nicht gleichgültig ist, in welchem Umfeld sie dinieren. Denen im Fine Dining Restaurant der Anblick von nachlässig bis schlampig gekleideten Menschen körperliches Unbehagen bereitet – ein Bild, das im Imàgo niemand befürchten muss.

© STERNKLASSE-Magazin 2013